Aua oder joj? Wie heißt es richtig?

Serbische Eltern wollen mehr am Integrationsprozess in Deutschland partizipieren

Berlin, Juni 2012 (ZSD) – Die serbische Einwanderer haben großen Nachholbedarf hinsichtlich der Schaffung eigener Institutionen und Strukturen, dies geht aus einer in Berlin organisierten Tagung des Zentralrats des Serben in Deutschland (ZSD) in Zusammenarbeit mit dem Muttersprachlichen Ergänzungsunterricht (MEU) hervor. „Der Organisationsgrad der serbischen Diaspora ist auf der Stufe, wie vor zwanzig Jahren. Es ist dringend erforderlich, neue Angebote für serbische Eltern und Vorschulkinder zu entwickeln. Nur über bedarfsgerechte Angebote kann der „Draht zu den Eltern“ aufrechterhalten und ihr Interesse geweckt werden“, sagte Milan Cobanov, stellvertretender ZSD-Vorstandsvorsitzende in Berlin.

Die Tagung war für den Veranstalter ein willkommener Anlass, eine Bestandsaufnahme der Angebote der serbischen Migrantenselbstorganisationen (MSO) zu machen. Vorgestellt wurden bestehende Angebote für Vorschul- und Schulkinder und ihre Rolle in der kindlichen Entwicklung. Die Teilnehmer konnten darüberhinaus anhand von ausgesuchten Beispielen sehen, wie es anderen MSO gelang auf Bedürfnisse ihrer Zielgruppen zu reagieren. So stellte sich eine deutsch-spanische KITA, eine Russische Samstagsschule und die Deutsch-Türkische staatliche Europaschule vor. Fachleute flankierten die Veranstaltung und lieferten Informationen zur kindlichen Sprachentwicklung, zur Zweisprachigkeit oder zum deutschen Schulsystem.

„Erstmalig ist es uns gelungen auf Bundesebene Bildungsthemen in der serbischen Community einzubringen. Geladen waren aktive Eltern serbischer Herkunft, bi-nationale Ehepartner, sowie serbische Macher aus dem Bildungsbereich. Es ist ein Anfang. Rückmeldungen zeigen uns, dass es höchste Zeit war, tätig zu werden. Tagungen ähnlichen Inhalts sollten unbedingt fortgesetzt werden, um Eltern auf die Bildungsperspektive ihrer Kinder vorzubereiten“, sagte Gordana Milanovic-Kovacevic, ZSD-Generalsekretärin.

Laut Milan Cobanov hätten serbische Organisationen es leider verpasst, sich auf neue Herausforderungen der Integrationsarbeit einzustellen. Viel zu lange wurde gezögert, mit Institutionen der Mehrheitsgesellschaft zusammen zu arbeiten. Die Serben in Deutschland hätten sich während der Sezessionskriege im früheren Jugoslawien aus dem öffentlichen Leben in Deutschland zurückgezogen. Nun gäbe es einiges nachzuholen, sagte Cobanov.

Der ZSD gab seiner Veranstaltung die Überschrift „Aua oder joj? Wie erlernt man zwei Sprachen?“. „Joj“ bedeutet auf serbisch „aua“! Das Dilemma, der erwachsenen Teilnehmer, in welcher Sprache ihre Kinder denken und fühlen, konnte noch während der Veranstaltung aufgelöst werden. Die rund zehn, während der Veranstaltung, betreuten Kinder, waren sich schnell einig: es heißt „Aua“!“. Zum Leiden der Eltern.

„Ich bin mit einem Deutschen verheiratet. Ich freue mich, wie gut unsere kleine Tochter, schon jetzt vor der Schule, die deutsche Sprache beherrscht. Die Großeltern in Serbien sagen, schaut, „so klein und spricht schon Deutsch“! In der Muttersprache verbirgt sich aber unsere Seele, unsere Identität. Da sind unsere Wurzeln. Wir können in unserer Muttersprache lachen und wir können weinen, wir singen unsere Lieder und schimpfen, wie man, übrigens, niemals im Deutschen schimpfen kann. Die Eltern wünschen sich, mit ihren Kindern, in der Muttersprache auszutauschen. Wir wollen vor allem ein „Stück von uns selbst“ weitergeben. Ein Mensch ohne Identität ist wie ein Baum ohne Wurzeln. Einen Baum ohne Wurzeln trägt jedoch der Wind fort! “, sagte eine an der Tagung teilnehmenden Mütter.

Die Tagung fand statt im Rahmen eines vom Bundesamt für Migration, Flüchtlinge und Integration (BAMF) geförderten und von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Immigrantenverbände (BAGIV) durchgeführten Projekts „Fit in der Schule – Ohne Eltern geht es nicht“. Der ZSD ist aktives Mitglied der BAGIV. Die Veranstaltung wurde vom Arbeitskreis neue Erziehung (ANE) unterstützt, mit welchem der ZSD eine kontinuierliche Zusammenarbeit anstrebt.




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