Leipziger Buchmesse 2011: Schwerpunktland Serbien

Serbische Autoren und Autorinnen kommen nach Leipzig.

Berlin, 09.03.2011 (LM/literatur.rs/ZSD) - Im wenigen Tagen wird sich Serbien als Schwerpunktland auf der Leipziger Buchmesse präsentieren. Mit diesem Projekt setzt die Leipziger Buchmesse ihr langfristiges Anliegen fort, den Bekanntheitsgrad der südosteuropäischen Literaturszene auf dem deutschen und internationalen Markt zu steigern. Bereits in den vergangenen Jahren stellten sich andere Nationen Südosteuropas erfolgreich als Schwerpunktländer auf der Leipziger Buchmesse vor, so zum Beispiel 2007 Slowenien und 2008 Kroatien. Serbien gestaltet seinen Auftritt als Schwerpunktland mit einem vielfältigen Programm. Rund 30 Erstveröffentlichungen sollen Einblick in den aktuellen Buchmarkt und die Kultur des Landes geben. Außerdem werden zahlreiche serbische Autoren auf der Buchmesse und im Rahmen der Veranstaltung Leipzig ihre Werke vorstellen und aus ihnen lesen. Nach einer dreijährigen Vorbereitungsphase wird sich Serbien in diesem Frühjahr als Schwerpunktland auf der Leipziger Buchmesse präsentieren. Das Land unterstreicht seinen Auftritt mit einem interessanten Programm, das die vielen Facetten der serbischen Literatur vorstellen und einem breit gefächerten Publikum zugänglich machen soll.

Einen detaillierten Überblick dazu finden Sie in folgender Übersicht:
Veranstaltungen und Programm zum Länderschwerpunkt

Serbische Autoren und Autorinnen kommen nach Leipzig. - von Zoran Hamovic
Aus dem gleichen Grund – wegen der Bücher – kamen sie auch vor 200 Jahren in diese Stadt. Aus dem eben erst geborenen Staat Serbien kamen damals junge Menschen, um frei Bücher in ihrer Sprache drucken zu können. Viele von ihnen lernten, studierten, blieben oder gingen zurück in ihr Land. Seit damals lebt Leipzig in der Erinnerung Serbiens als eine wichtige Stadt der gemeinsamen Kulturgeschichte. Vierzig Autoren und Autorinnen kommen dieses Mal nicht nach Leipzig um in Erinnerungen zu schwelgen und nur über die Vergangenheit zu sprechen. Sie finden sich erstmals in der Geschichte so zahlreich gleichzeitig in der Stadt, und zwar weil ihre Bücher diesmal ins Deutsche übersetzt wurden. In Begegnung mit dem Publikum werden sie Gelegenheit haben, über sich selbst, ihr Schaff en und die Kultur zu sprechen, der sie angehören. Kann die im einst geteilten Europa verlorene Zeit nachgeholt werden, kann das marginale Wissen über serbische Literatur, Kunst und Kultur in Deutschland erweitert werden? Auf diese Fragen werden die Autoren und Autorinnen, ihre Verlagspartner, Übersetzer und Übersetzerinnen, Presse und Publikum im Laufe der Messetage, oder noch besser, abends am gemeinsamen Tisch diskutieren können. Besucher des serbischen Standes werden viel über die sozialen, kulturellen und politischen Veränderungen in Serbien erfahren. In der Zeit, die kommen wird, kann ihnen diese Literatur ein wertvoller Führer auf der Entdeckungsreise in eine ungewöhnliche Wirklichkeit eines europäischen Landes werden. Serbien ist ein Land ohne Grenzen, offen für neue Erzählungen, neue Lesungen und eine schöne Zukunſt ! Willkommen!


Warum man Andrić, Crnjanski, Kiš und viele andere lesen sollte - von Ilma Rakusa

Selbst belesene Menschen in Deutschland wissen oft verblüffend wenig über die Literaturen des ehemaligen Jugoslawien, so auch über die serbische. Der Name des Literaturpreisträgers Ivo Andrić ist ihnen halbwegs geläufig, aber geht es um konkrete Bücher und Lektüreerlebnisse, werden sie verlegen. Ich wundere mich: Warum kennt nicht jedermann „Die Brücke über die Drina“, aus der man mehr über Bosnien erfahren kann als aus allen während des unseligen Balkankriegs erschienenen Zeitungsartikeln zusammengenommen? Und nicht den abgründigsten Roman über den Geiz, „Das Fräulein“? Und nicht den Geschichtenerzähler Andrić, der in „Buffet Titanic“ die Psyche von Opfern und Tätern unnachahmlich ausgeleuchtet hat? Andrić war ein Chronist der Vergangenheit und der Gegenwart – dank seines ausgewogenen Urteils, seiner historischen Kenntnisse, seiner stoizistischen Denkweise und seiner glasklaren Sprache. Keines seiner Werke wirkt veraltet, denn alle sprechen sie in zeitloser Form von menschlichen Universalien.

Miloš Crnjanski, der andere Klassiker der serbischen Moderne, erschliesst sich auf andere Weise. Ich denke vor allem an das „Tagebuch über Čarnojević“ (1921), dieses subtile lyrische Psychogramm eines Kriegsheimkehreres, das sich wie ein Poem in Prosa liest. Da ist die Rede von den Kämpfen an der galizischen Front, vom Sterben in den Wäldern, von Verzweiflung, innerer Leere, Hass, aber auch von Landschaften und Liebschaften, von Träumen und Erinnerungen und von der Hoffnung auf „ein besseres Jahrhundert“. Und dies alles in einer rhythmisch-melodiösen Sprache von sarkastischer Trauer und lapidarer Schönheit, deren Sog man sich nicht entziehen kann. Derselbe Crnjanski hat Jahre später das grosse historische Romanepos über die serbische Diaspora, „Seobe“ (Wanderungen), geschrieben, ein staunenswertes Buch von barocker Fülle, dessen epischer Atem an Tolstojs „Krieg und Frieden“ erinnert, während sein melancholisches Leitmotiv – „Das Wandern hat kein Ende. Wie das Leben“ – nur allzu modern klingt.

Eine besondere Erfahrung verbindet mich mit Danilo Kiš, den ich unverhohlen zu meinen Lieblingsschriftstellern zähle. Ich habe mehrere Bücher von Kiš übersetzt, darunter „Sanduhr“ und „Ein Grabmal für Boris Dawidowitsch“, und diesem Umstand verdanke ich nicht nur einen profunden Einblick in Kiš´ einzigartiges literarisches Universum, sondern auch die Bekanntschaft mit ihm als Menschen. Ohne Sentimentalität: mit Kiš führe ich einen ständigen Dialog, seine Werke begleiten mich auf Schritt und Tritt. Mit Eduard Sam hat er eine der tragischsten und skurrilsten Vaterfiguren des 20. Jahrhunderts geschaffen – als Hommage an seinen eigenen, in Auschwitz ermordeten Vater, während die Helden seines Romans „Ein Grabmal für Boris Dawidowitsch“ dem Stalinismus zum Opfer fallen. Kiš hat die totalitaristischen Ideologien seines Jahrhunderts mit „ironischem Lyrismus“ entlarvt, er hat sich in Essays und Interviews aber nicht weniger schonungslos über die Politik seines Landes geäussert, indem er schon Mitte der siebziger Jahre vor nationalistischen Exzessen warnte. Meines Erachtens gehört Kiš in jedes Schulbuch, auch wenn er dem Leser viel abverlangt, denn sein zwischen Dokument und Fiktion oszillierendes Werk sperrt sich gegen jede vereinnahmende Lektüre.

Ich kann nicht umhin, neben Danilo Kiš auch Aleksandar Tišma zu erwähnen, den Verfasser gnadenlos-grossartiger Romane wie „Das Buch Blam“ und „Der Gebrauch des Menschen“ oder des Erzählungsbandes „Schule der Gottlosigkeit“. Dank Tišma ist Novi Sad in die Weltliteratur eingegangen, als Schauplatz und Paradigma von Gewalt, wie sie in dieser multiethnischen Stadt während des Zweiten Weltkriegs Deutsche und Ungarn an Juden und Serben ausübten. Tišma durchleuchtet Menschen und Schicksale mit nüchternem Blick, der aus Tätern immer auch Opfer und aus Opfern Täter macht. Schwarzweissmalerei gibt es bei ihm nicht, ebenso wenig wie Urteile und Verurteilungen. Dafür Szenen, die einem für immer im Gedächtnis bleiben: Als im „Buch Blam“ die Deportiertenkolonne von der Synagoge Richtung Bahnhof zieht, stürmen plötzlich Hunde herbei, die ihre Besitzer wiedergefunden hatten. Sie folgen ihren Herren hartnäckig bis zum Bahnhof, „dann blieben sie allein zwischen den Schienen.“ „Sie sahen verwundert auf die Felder und Gräben, zwischen die sie geraten waren, kühlten ihre langen, roten, heraushängenden Zungen und trollten sich einer nach dem anderen Richtung Stadt.“

David Albahari ist auf seine Weise ein Meister der Lakonie, auch wenn seine Bücher, die ohne einen einzigen Absatz auskommen, einem anderen inneren Rhythmus gehorchen. Ich bewundere seine Romane „Mutterland“, „Tagelanger Schneefall“, „Götz und Meyer“, bewundere seine Erzählungen und Prosaminiaturen mit ihrer messerscharfen Sprache und ironischen Paradoxalität. Albahari verbindet auf unnachahmliche Weise historisch gewichtige Stoffe mit Alltäglichem, Ethos mit (an Thomas Bernhard geschultem) Formbewusstsein. Man liest und ist zutiefst berührt.

Was aber wäre die serbische Literatur ohne Bora Ćosićs Romane, insbesondere „Die Rolle meiner Familie in der Weltrevolution“. Ein hinreissend komisches Meisterwerk, das von tiefer Melancholie grundiert ist. Denn die Familiengeschichte wie die sogenannt grosse Geschichte offenbaren in den Augen des Autors vor allem eines: Absurdität. Hinter allen Dingen und Maskeraden lauert Leere, das hat Ćosić von seinem Lehrmeister Beckett gelernt. Und davon handeln – in immer neuen Variationen – seine Bücher: „Das Land Null“, „Zollerklärung“, „Die Reise nach Alaska“,  um einige neuere Titel zu nennen. Davon handeln auch Ćosićs Essays, die trotz ihrer Luzidität nie resignativ-defätistisch sind und ausgestattet mit dem Singsang seiner Sprache, dem Ćosić-Sound. Damit komme ich nur an ein vorläufiges Ende, denn ich könnte zahlreiche weitere Namen nennen: Dragan Velikić, Dragan Aleksić, Ana Ristović, Biljana Srbljanović. Es gibt viel zu entdecken in der serbischen Literatur, ist man nur bereit, sich aufs Lesen einzulassen.

Die literarische Szene - von Gojko Bozovic

In Serbien werden jährlich im Durchschnitt 10.000 bis 15.000 Bücher veröffentlicht. Bis zum Beginn der neunziger Jahre waren das zumeist Bücher einheimischer Autoren, in den letzten fünfzehn Jahren überwiegen aus anderen Sprachen übersetzte Titel.

In Serbien erscheinen im Jahr 100 bis 150 Romane, knapp 100 Ausgaben von Erzählungen und mehrere hundert Bände mit zeitgenössischer serbischer Lyrik. In Serbien gibt es mehrere Dutzend Literaturzeitschriften, die sich in Konzeption und Literaturauffassung erheblich voneinander unterscheiden. Einige haben Mitarbeiter im In- und Ausland, einige gehören zu den ältesten Literaturzeitschriften in Europa. Und es gibt auch immer mehr Online-Literaturzeitschriten.

In Serbien werden jährlich etwa 250 Literaturpreise vergeben. Aber nur etwa zehn davon sind wirklich einflussreich und empfehlen das preisgekrönte Werk und seinen Autor einem breiteren Publikum. Alljährlich werden in Serbien auch fünf internationale Literaturpreise verliehen.

In Serbien finden jährlich knapp hundert große Literaturveranstaltungen statt, manche davon bekannt durch eine lange Tradition und ein mit Bedacht konzipiertes Profil. Darunter sind auch 6 internationale Literaturfestivals, an denen einige der bedeutendsten zeitgenössischen Schriftsteller der Welt teilnehmen. In Serbien findet einmal im Jahr die Internationale Belgrader Buchmesse statt, die 200.000 Besucher anlockt und auf der mehr als 400 in- und ausländische Verlage ihre Bücher ausstellen. In Serbien wird jährlich ein Preis an den besten Übersetzer serbischer Literatur verliehen, und auch der beste ausländische Verleger serbischer Literatur wird mit einem Preis geehrt. Seit drei Jahren gibt es beim Serbischen Kulturministerium auch einen Fonds zur Förderung von Übersetzungen repräsentativer Werke der serbischen Literatur.


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